So, mit leichter Verspätung nun auch von mir ein paar von der re:publica inspirierte Gedanken. Für mich gehörten neben dem sehr spannenden Vortrag der Jungs von Abgeordnetenwatch (Hut ab!), insbesondere die Panel- Runde Advocacy 2.0: Digitaler Aktivismus zu den Highlights der Veranstaltung. Letzeres vor allem, weil ich die Gelegenheit hatte, den Koordinator des Projektes dieGesellschafter.de mit einer Frage zu belästigen, die mich schon seit einiger Zeit beschäftigt.
Was mich an besagtem Projekt ein wenig irritiert hatte war, dass ich trotz diverser Anzeigen in U-Bahnhöfen, Zeitschriften, Websites und auch im Fernsehen (siehe Video oben) bis zuletzt nicht wirklich verstanden habe, worum es dabei eigentlich geht, obwohl ich mich irgendwie als Zielgruppe gefühlt habe (sozial engagierter Internetnutzer). Auch andere von mir diesbezüglich befragte Menschen konnten mir keine Antwort geben, wiesen allerdings jede Kritik an dem Projekt zurück, da die Plakate doch sehr schön seien und zum nachdenken anregen würden (was auch immer das heißen mag … ). Meiner einer blieb skeptisch und begann sich zu fragen, ob hier Aufwand und Nutzen wirklich im Verhältnis stehen. Schließlich musste die Werbekampagne doch, trotz eventuellem Rabatt für gemeinnützige Organisationen, Millionen gekostet haben. Aus dieser Motivation heraus ergriff ich auf der Re:Publica die Chance und habe Christian Scheifl, dem Koordinator von dieGesellschafter.de gefragt, ob bzw. welche Ziele gesetzt wurden, inwiefern man diese erreicht hat und wie hoch genau das Budget für die Kampagnen waren (das Video der Diskussion lässt sich leider nicht einbinden, Ihr findet es aber hier. Meine Fragen gibt’s bei ca. 27 verbleibenden Minuten).
Zu meiner großen Freude ist er sehr ausführlich und offen auf die Frage eingegangen, was auch im gemeinnützigen Sektor keine Selbstverständlichkeit ist. Konkrete Ziele habe man sich nicht gesetzt, sei aber mit dem bisherigen Projektverlauf ganz zufrieden. Insgesamt hätte man schon mehr als 2 Millionen Besuche auf der Seite verzeichnen können und selbst an schlechten Tagen würden immer noch mindestens 3.000 Menschen vorbeischauen. Soweit so gut, klingt erstmal nicht schlecht und liegt, wie ich leider zugeben muss, noch deutlich über dem, was Helpedia vorweisen kann. Meine Skepsis flammte allerdings wieder auf, als auf das Budget eingegangen wurde, welches seit Beginn des Projektes Anfang 2006 aufgewendet wurde. Fürs erste Jahr lag es bei schlappen 10 Millionen €, für das Laufende immer noch bei stolzen 8 Millionen €. Hier mussten nicht nur ich, sondern auch einige weitere Menschen im Publikum erstmal schlucken.
Bei diesen Summen relativieren sich die unter anderen Umständen ja durchaus ansehnlichen Nutzerzahlen meiner Meinung nach erheblich. Auf die Frage „In was für einer Welt wollen wir leben?“, welche auf tausenden Plakaten und Anzeigen von dieGesellschafter.de zu sehen war, wurden inzwischen 8.564 Antworten gegeben und insgesamt befinden sich momentan 91.072 Forenbeiträge auf der Plattform. Setzt man das ins Verhältnis zu dem veranschlagten Budget kommt man auf stolze 2.103€ pro abgebebener Antwort und 198€ pro Forenbeitrag. Hier drängte sich in der Tat die von Moderatorin Geraldine Bastion gestellte Frage geradezu auf: “Ist der Diskurs so hochwertig, dass die hohe Investitionssumme gerechtfertigt ist?”
Ok, ok, ich will gar nicht bestreiten, dass es sich hierbei um eine Milchmädchen-Rechnung handelt. Das Diskussionselement ist zwar ein zentraler, aber nicht der einzige Baustein von dieGesellschafter.de . Außerdem wurde nicht das gesamte Budget in Website und deren Vermarktung gesteckt, sondern darüber hinaus auch zahlreiche andere Vorhaben gefördert. Dennoch bleibe ich sehr skeptisch, ob man mit dem Geld nicht effizienter auf soziale Missstände hätte hinweisen, bzw. eine breitere Diskussion über diese hätte in Gang bringen können. Zwar wurde im Laufe des Gesprächs noch das Argument aufgeführt, dass man sich an eine tendenziell wenig internetaffine Zielgruppe richten würde, aber auch hier gibt es genug Beispiele, wo in einem ähnlichen Umfeld erfolgreicher gearbeitet wurde. Ein Beispiel wäre das Startup Platinnetz, welches sich an die ebenfalls nicht sonderlich internetverrückte Zielgruppe 45+ richtet und eigenen Angaben zufolge nach 12 Monaten über 100.000 registrierte Nutzer hat, die sich täglich mehr als 30.000 Nachrichten zusenden und zehntausende Forenbeiträge verfassen. Keine Frage, auch dieser Vergleich hinkt wieder, geht es doch bei Platinnetz eher um soziale Kontakte und nicht um soziales Engagement, aber dennoch gibt es einem zumindest eine Idee, was möglich sein könnte.
Soweit, so unkonstruktiv. Ich will mich nicht erdreisten zu wissen, wie man dieGesellschafter.de zum Fliegen bringen könnte, aber es wäre meiner Meinung nach einen Versuch wert, sich mehr zu öffnen, mehr zu experimentieren und auch internetaffinen Menschen mehr Anreize zu bieten sich auf der Seite auszutoben. Anstatt jemanden einzustellen, der die Rechtschreibung in den Forenbeiträgen überwacht, wäre es momentan die wahrscheinlich sinnvollere Idee jemanden ins Team zu holen, der die teilweise ja durchaus interessanten Inhalte für Suchmaschinen besser auffindbar macht. Anstatt Links in den Foren generell zu verbieten wäre es doch möglich ein paar NutzerInnen zu Moderatoren zu machen und so dafür zu sorgen, dass diese Möglichkeit nicht missbraucht wird. Auch der eigene Blog könnte intensiver genutzt werden und ruhig auch mal auf andere verlinken. Es gibt da draußen im Netz durchaus einen Haufen sehr aktiver Menschen, die sich mit verwandten Themen beschäftigen. Hamoun Kamai mit seinem Projekt Stand Up (www.stand-up-initiative.de), oder der Behindertenparkplatz von Christiane Link wären hier sicherlich inspirierende Beispiele. Zu guter Letzt würde mich mir wünschen, neben etlichen Möglichkeiten Plakate und anderes Aktionsmaterial postalisch zu bestellen, eben diese Abbildungen auch zum Download angeboten zu bekommen um sie auf anderen Webseiten einzubinden (das gleiche gilt für das oben gezeigte Video – warum nur über Youtube und dann nicht mal mit eigenem Kanal?). Das wäre auf jeden Fall ne Chance um an kostenlose Werbung heranzukommen.
Weitere Eindrücke von der re:publica im Allgemeinen und der Session Advocacy 2.0: Digitaler Aktivismus im Speziellen findet Ihr auch bei Alls-was-gerecht-ist, betterplace, viralmythen, Africa-Help oder 2punkt0.
Nachtrag: Bei aller Kritik ein dickes Lob an dieGeselslchafter.de für diesen Blogbeitrag. Fähigkeit zur Selbstkritik bzw. –ironie scheint auf jeden Fall vorhanden!




Erstellt am 10.5.2008 um 9:11
“Nachtrag: Bei aller Kritik ein dickes Lob an dieGeselslchafter.de für diesen Blogbeitrag. Fähigkeit zur Selbstkritik bzw. –ironie scheint auf jeden Fall vorhanden!”
nur zu allgemeinen Erheiterung: Cicero liest offenbar bei den Gesellschaftern mit. Vor dem Cicero-Plakat gab es - natürlich ohne Bild - den inhaltlich völlig identischen, ebenfalls auf Christian Klar bezogenen Beitrag im dieGesellschafter.de Forum. Ich muss das wissen, weil ich das selber “im Auftrag” gepostet habe. Wurde leider zensiert.
Erstellt am 17.5.2008 um 19:08
[...] ich mich ja schon mal kritisch mit der Erfolgsmessung internetbasierter NGOs am Beispiel von diegesellschafter.de auseinandergesetzt habe, will ich das Thema noch mal etwas grundlegender angehen. Auch bei [...]
Erstellt am 8.11.2008 um 2:19
die andere seite von
die gesellschafter de
- systematische zenzur bis hin zu löschung
- meinungs manipulation wie auf Kaffereisen
- inzinierung von Beiträgen und Kommentaren
- konstruktion von pseudo Charaktäre und Gästebücheinträge als fassade einer freien offnen Meinung
- machtmissbrauch und unterdrückung von unerwünschten Kritik
- unterdrückung der freien meinung zur erhaltung einer inzinierten manipulierten soll Fassade
- löschung von beiträgen von anerkanten Schriftstellern
- usw usw usw
Erstellt am 8.11.2008 um 15:04
Hi “Kritik als Hobie”!
Würde mich freuen, wenn Du die Vorwürfe belegen könntest.
Danke und Gruß,
Basti
Erstellt am 5.2.2009 um 13:50
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