Wie angedroht hier nun der 2. Teil meiner kleinen Blog-Serie über meine Erfahrungen mit der Grameen Bank in Bangladesch.
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Bevor ich weiter auf meine Erlebnisse in und mit der Grameen Bank eingehe, will ich ganz kurz deren Geschichte und die ihr zugrunde liegende Philosophie skizzieren:
Als Bangladesch 1974 von einer schweren Hungersnot geplagt wurde, ging Muhammad Yunus, dem damalige Leiter der
wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Chittagong, die Nutzlosigkeit seiner Lehrtätigkeit auf. Wozu dienen schöne und elegante Theorien, wenn Menschen auf den Bürgersteigen und vor den Hauseingängen verhungern? Um herauszufinden wie er konkret helfen konnte, besuchte er das Dorf Jobra und traf dort Sofia Begum, die sich durch die Herstellung von Bambushockern am Leben hielt. Da sie sich die 22 Cent für die täglich notwendigen Rohmaterialien aber nicht leisten, konnte lieh sie sich das Geld von einem Zwischenhändler unter der Bedingung, dass sie ihm am Ende eines jeden Tages den Hocker für 24 Cent überlassen musste, ihr blieben also lediglich 2 Cent. Ja, Du hast richtig gelesen, 2 Cent! Das war auch 1974 in Bangladesch kaum zu viel zum sterben. Wenn man in den Nachrichten hört, es gäbe weltweit über 1,3 Milliarden Menschen, die mit weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen müssten, so heißt weniger nicht automatisch 99 Cent.
Nach einer Befragung weiterer Personen im Dorf stellte sich heraus, dass hier 42 weitere Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Insgesamt waren sie mit sage und schreibe 27 Dollar bei Zwischenhändlern und Geldverleihern verschuldet, die kein Interesse daran hatten, irgendetwas an diesem Abhängigkeitsverhältnis zu ändern. Professor Yunus entschloss sich, den Armen die genannte Summe zu leihen, ohne jedoch dabei die üblichen Wucherzinsen zu nehmen (anfänglich nahm er überhaupt keine Zinsen). Später institutionalisierte er diesen Ansatz, und heute verleiht die Grameen Bank Geld an über 2,7 Millionen
Menschen, von denen fast die Hälfte bereits die Armutsgrenze überschritten hat (um den ersten Kredit bei der Grameen Bank zu erhalten muss man nachweislich arm sein). Bis auf die Jahre 1983, 1991 und 1992 hat die Grameen Bank jedes Jahr einen Gewinn erwirtschaftet und nimmt seit 1998 keine Spendengelder oder zinsvergünstigte Kredite mehr an [Anmerkung von Basti 2008: Inzwischen muss ich kritisch anmerken, dass die Grameen Bank nicht gerade berühmt für die Qualität ihrer Jahresabschlüsse ist und durch Garantien der Regierung auch nach 1998 in den Genuss indirekter Zinssubventionen gekommen ist. Das ändert allerdings nichts an der grundsätzlichen Aussage und da die Bank inzwischen über mehr Einlagen als ausstehende Kredit verfügt, spielen Zinssubventionen ohnehin keine Rolle mehr]. Die Idee des Mikrokredits wurde seitdem in zahlreiche Länder übertragen (u.a. in die USA), und inzwischen profitieren mehr als 50 Millionen Familien weltweit von ähnlichen Programmen. Entgegen aller Voraussagen sind die Armen sowohl gewillt als auch in der Lage, die aufgenommenen Kredite inklusive Zinsen zurückzuzahlen. Mit 99% ist die entsprechende Quote bei der Grameen Bank (GB) deutlich höher als bei wahrscheinlich sämtlichen Banken der Industrieländer. Da man sich aber auch bei der GB bewusst ist, dass Kleinstkredite nicht allein die Armut beenden können, wurden bis zum heutigen Tage 22 (finanziell unabhängige) Tochterunternehmen gegründet, die sich ebenfalls dem Ziel der Armutsbekämpfung verschrieben haben. So werden z.B. mit Hilfe von Mobiltelefonen (die Besitzerin wird zur „Telefonzelle“ des Dorfes) oder Solaranlagen Einkommensquellen für die Bedürftigsten geschaffen. Die Bank gehört im Übrigen zu 93% den Kreditnehmerinnen selbst, die auch 9 der 12 Aufsichtsratmitglieder stellen (den Rest stellt die Regierung von Bangladesch).
Zurück zu mir und Fazley. Da saß ich nun dem Menschen gegenüber, mit dem ich seit Monaten in unregelmäßigen Emailkontakt stand, und erhoffte mir Klarheit darüber, was man denn nun genau mit mir vorhatte. Aus besagter elektronischer Post bin ich nämlich nicht wirklich schlau geworden und hatte zeitweise gar den Eindruck, man erwarte keinen arbeitswütigen Praktikanten, sondern einen gelangweilten Studenten, der sich aus unerfindlichen Gründen während seiner Semesterferien… ähhh seiner vorlesungsfreien Zeit (Studenten haben bekanntlich keine Ferien) dazu herablässt, den armen Bangladeschis einen Besuch abzustatten. Mit anderen Worten, ich fürchtete man hatte mich durchschaut… ;-)
Erstaunlicher Weise lag ich mit dieser soeben etwas überspitzt formulierten Vermutung gar nicht so falsch. Fazley berichtete mir, dass man zusehen werde, mich in den nächsten Tagen mit in eines der Dörfer zu nehmen, in welchen die Bank aktiv ist. Nachdem ich mir dort einen ersten Einblick verschafft hätte, soll ich dann kundtun, was ich mit dem Rest meiner mir in Bangladesch verbleibenden Zeit zu tun gedenke, wobei ich für alle wirklich notwendigen Arbeiten nicht in Frage käme, da es mir an den erforderlichen Qualifikationen, allen voran fehlenden Banglakentnissen, mangeln würde. Außerdem würden sich die Kreditnehmerinnen weigern, mit mir zu arbeiten, was in einer Kultur, in der es vielen Frauen bis vor kurzem nicht erlaubt, war ohne Begleitung eines männlichen Verwandten das Haus zu verlasen, verständlich erscheint, erst recht wenn man bedenkt, dass ich oftmals der erste nicht Bangladeschi wäre, den sie in ihrem Leben sehen. Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mir mehr oder minder gut gemachte Filmchen oder Powerpoints anzuschauen, die mir näher bringen sollten, worauf es bei der GB ankommt, und damit, mich mit Mr. Newaz und mit Mrs. Begum, den Vorgesetzten Fazleys, zu unterhalten. Den nächsten Tag las ich dann diverse Artikel, die ich mehr oder minder wahllos aus einem mir vorgesetzten Haufen (im wahrsten Sinne des Wortes) von Publikationen auswählte.
Weitere 24 Stunden und einige Reis-Hühnchen Kombinationen später befand ich mich dann in einem etwa 1 ½ Stunden von der Hauptstadt entfernten Dorf wieder, wo ich zum ersten Mal einem so genannten Centermeeting beiwohnte. Hierbei handelt es sich
um wöchentlich stattfindende Treffen von jeweils 40 Kreditnehmerinnen die in 8 Gruppen mit jeweils 5 Mitgliedern organisiert sind. Nach den streng normierten Begrüßungsritualen werden bei diesen Zusammenkünften die in der Regel wöchentlich fälligen Raten bezahlt, eventuelle Spareinlagen getätigt und es wird über neue Kreditanträge diskutiert. Während ich dies beobachtete und mit Fazleys Hilfe auch die eine oder andere Frage an die Kreditnehmerinnen richten konnte, begann ich zu verstehen, warum die GB mit einer derartig hohen Rückzahlungsquote aufwarten kann. Der Zwang, sich einer Gruppe mit 4 weiteren Frauen anzuschließen, einen Test über die Regeln der GB über sich ergehen zu lassen, lernen zu müssen, den eigenen Namen zu schreiben (die meisten Kundinnen der Bank sind Analphabetinnen) und jede Woche aufs neue vor 39 anderen Kreditnehmerinnen und einem Bankangestellten beweisen zu müssen, über das fällige Geld zu verfügen, übt einen enormen Druck aus. Wer sich nicht sicher ist, das geliehene Geld gewinnbringend verwenden zu können, der wird es sich erst gar nicht leihen, um nicht das Risiko einzugehen, vor der Gruppe, dem Center, deren gewählte Vorsitzende im Übrigen jeden neuen Kredit zustimmen muss, und auch dem Bankangestellten als Versagerin dazustehen. Um in die Sprache eines Wirtschaftswissenschaftlers zu verfallen: Das Problem der asymmetrisch verteilten Informationen zwischen Kreditnehmerin und Kreditgeber wird durch die Regeln der GB zwar nicht aufgehoben, aber zumindest abgemildert.
Nach dem Ende dieses knapp einstündigen Treffens habe ich dann noch einige Häuser der Kreditnehmerinnen besucht, wobei Petr (ein eigentlich für eine Menschenrechtsorganisation arbeitender Tscheche) und mir der eigentlich positive Eindruck von 2 sowohl Saddam Hussein als auch Osama bin Laden verherrlichenden Postern getrübt wurde. Nachdem ich von diesen Bildern erst etwas geschockt war und schon anfing zu zweifeln, ob es denn wirklich eine gute Idee sei, diese Menschen hier zu unterstützen, kam ich zu der Ansicht, dass dies erst recht die Notwendigkeit verdeutlicht, den Lebensstandard und insbesondere die Bildung dieser Leute zu erhöhen, in der Hoffnung, sie würden eines Tages zu differenzierteren Betrachtungsweisen in der Lage sein.
Bemerkenswert fand ich auf jeden Fall den Kommentar Petrs, dies sei bisher das wohlhabendste Dorf welches er, der sich schon seit einigen Monaten in Bangladesch rumtreibt, gesehen hat. Insbesondere die Häuser (Hütten), welche zwar in der Regel aus nur
einem einzigen Raum von weniger als 30 Quadratmetern bestehen, hätten ihn erstaunt. Mir erschien dies ein gutes Beispiel dafür zu sein, was durch das Wirken der GB möglich ist. Sämtliche der erwähnten und für die Verhältnisse des ländlichen Bangladeschs extrem robusten Immobilien wurden durch spezielle Kredite besagter Bank ermöglicht, die in dieser Ortschaft bereits seit über 15 Jahren tätig ist. Am beeindruckendsten fand ich aber die Tatsache, dass 2 Kindern der Bankkundinnen ein Kredit genehmigt wurde, welcher ihnen ermöglicht, zur Universität zu gehen. Auf meine Frage, ob irgendeine dieser positiven Entwicklungen ohne die GB möglich gewesen wäre, bekam ich von sämtlichen Frauen ein energisches Nein als Antwort und in der Tat ist es fraglich, inwiefern in diesem Dorf auch nur ein einziges flutresistentes Haus stehen und auch nur ein einziger Student von hier kommen würde, wenn nicht vor vielen Jahren einige Banker der Meinung gewesen wären, es gäbe hier durchaus eine Vielzahl potentieller Kundinnen.
Trotz vieler positiver Eindrücke hatte ich nach meiner Rückkehr nicht wirklich das Gefühl, ich würde nun über Informationen verfügen, die ich mir nicht auch hätte anlesen können. Ein halber Tag war einfach zu wenig, um mehr als einen oberflächlichen Eindruck zu gewinnen. Nun ja, immerhin konnte ich mir nun halbwegs sicher sein, dass es sich bei den ganzen Geschichten, die ich bisher gehört hatte, nicht nur um Märchen oder Wunschdenken handelte, sondern es sich wahrscheinlich wirklich genau so zugetragen hat.
Einen tieferen Einblick in die Arbeitsweise der GB sollte mir einige Tage später vergönnt sein. Ich hatte das Glück, mich einer Besuchergruppe bestehend aus 5 NGO-Vertreterinnen der Dominikanischen Republik (DR) und den USA anschließen zu können,
welche einer Bankfiliale im Westen des Landes einen viertägigen Besuch abstatten wollten. Ziel ihres Aufenthaltes war es, Möglichkeiten zu finden, wie man ähnliche Organisationen in der DR aufbauen bzw. stärken kann. Eines schwül heißen Tages (jeder Tag hier ist schwül heiß) machten sich also insgesamt 9 Leute auf nach Rajshahi. Neben mir hätten wir da noch Carlos, Rosarita, Esperanza, Ramon, Andrea, Fazley, Yunus und Kashfia, wobei die beiden letztgenannten helfen sollten, die Sprachbarriere nicht zum Problem werden zu lassen. Es handelte sich meiner Meinung nach um eine überaus sympathische Gruppe wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob diese Zuneigung auf Gegenseitigkeit beruhte, wurde mir doch wiederholt vorgeworfen, ich sei schweigsam und schüchtern. Na gut, meiner einer will gar nicht bestreiten etwas gefremdelt zu haben, aber es ist auch nicht gerade einfach sich gegen 4 äußerst temperamentvolle Latinos und eine Bangladeschi durchzusetzen, welche mich spätestens nach jedem 2. Satz unterbrochen hat um das Thema zu wechseln. Anyway, Rajshahi war auf jeden Fall ne Reise wert und hat zu vielen neuen Eindrücken geführt.
Allen voran die Herzlichkeit der Menschen. Was mich schon in Dhaka beeindruckt hat, wurde hier noch mal übertroffen. In keinem anderen Land, welches ich bisher besucht habe, bin ich auf eine solche Gastfreundschaft gestoßen.
Aufgeteilt in 2 Gruppen haben wir in verschiedenen Filialen genächtigt, wo man alles nur Menschenmögliche getan hat, um unseren Aufenthalt so angenehm es geht zu gestalten. Da es mir zu aufwendig erscheint, jede kleine Liebenswürdigkeit gesondert zu erwähnen, will ich hier nur 2 kleine Beispiele anbringen, welche mich besonders gerührt haben. So hat unser Rickschafahrer, dessen Namen ich schändlicher Weise vergessen habe, nicht nur eines Abends eine kleine Musikercombo für uns organisiert, wofür er extra in ein anderes Dorf fahren musste (wie gesagt in einem so heißen und schwülen Land, dass mich schon das stehen im Schatten anstrengt), nein er hat auch nach unserer Rückkehr in Dhaka angerufen, um sich zu erkundigen, ob wir gut angekommen sind. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass dieser Mann, der weniger als 2 Euro am Tag verdient um seine vierköpfige Familie durchzubringen, nicht über ein eigenes Telefon verfügt.
Anyway, neben der Gastfreundschaft sind mir noch mehrere andere Dinge aufgefallen, auf die ich nun kurz eingehen möchte. So war ich verblüfft wie hart die Jungs (und Mädels) hier arbeiten. Wenn ich aufgestanden bin (dies war durchaus vor 9 Uhr), waren
schon die ersten im Büro, und wenn ich schlafen gegangen bin, brannte dort noch Licht. Sich pro Tag 12 - 14 Stunden in den Dienst der Bank zu stellen, war zumindest während der Zeit meines Besuches keine Seltenheit. Es mag zwar sein, dass bei effektiverem, konzentrierterem Arbeiten und Verzicht auf Mittags- und Abendessen das gleiche Pensum auch in 8 - 10 Stunden zu bewältigen sei (sobald die Daten auch dieser Filiale per Computer bearbeitet werden, sollte dies in der Tat zu schaffen sein), aber für einen Monatslohn zwischen 50 und 200 Euro wäre auch das noch beeindruckend. Da für jede leitende Position ein Masterabschluss Voraussetzung ist, mit dem man auch in Bangladesch einen wahrscheinlich besser bezahlten, auf jeden Fall aber weniger arbeitsreichen Job finden kann, stellt sich die Frage nach der Motivation der Mitarbeiter. Natürlich spielen hier eine Vielzahl verschiedener mehr oder minder gutmenschlicher Gründe eine Rolle. Als eines Abends überraschend ein Zonal-Manager (zuständig für ca. 100 Filialen) bei uns auftauchte, sagte er mir, dass für ihn sein Glaube eine wichtige Rolle gespielt hat für die GB zu arbeiten. Er wolle Allah dienen, indem er denen hilft, die sich nur schwer selbst helfen können. Wie jede Religion hat auch der Islam wahnsinnige Übeltäter hervorgebracht, aber man darf nicht übersehen, dass er auch viele Menschen dazu animiert hat, wundervolle Dinge zu tun.
Die GB wurde oft kritisiert, sie würde die wirklich Armen nicht erreichen und nur mit denen arbeiten, die ohnehin schon in der Lage seien, sich selbst zu ernähren. Seit einiger Zeit ist man daher dabei, ein Programm zu entwickeln, welches die absolut Besitzlosen als Zielgruppe hat: Bettlerinnen!
An unserem letzten Tag waren wir bei einem Treffen anwesend, auf dem 10 ältere Frauen, die alle keiner richtigen Arbeit nachgingen und von ihren Familien gar nicht oder nicht ausreichend unterstützt werden, mit den Regeln der Bank vertraut gemacht wurden. Bei diesem speziellen Programm gelten nicht alle der sonst üblichen Bedingungen. Es wird beispielsweise kein Zins erhoben und die Kreditnehmerinnen müssen keiner Gruppe beitreten. Sie müssen allerdings lernen, ihren Namen zu schreiben, was einer der Anwesenden sichtlich Sorgen bereitete. Der zuständige Banker sagte ihr jedoch, es hätte bisher noch jede geschafft, und er würde sich besondere Mühe geben es auch ihr beizubringen. Schließlich willigte sie ein und versprach, ihr Bestes zu geben.
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Erstellt am 9.1.2008 um 21:15
Den Bericht finde ich sehr spannend und auch sehr amüsant! Gibts noch mehr Berichte dieser Art? Freu mich schon!
Erstellt am 3.3.2008 um 0:01
[...] > Nur von dieser Definition her weiss ich, auf welche Seite ich mich > stelle. Oh, da wird mir dann Einiges klar. Mangelnde Bildung war immer schon ein guter Nährboden für Extremisten [...]